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Rhein-Hunsrück-Zeitung, 15.07.2006

Bethesda bleibt Garant für Nächstenliebe

Bopparder Stiftung feierte mit Mitarbeitern, Bewohnern und vielen Gästen des öffentlichen Lebens 150. Geburtstag und zugleich das Ende der Krise

Zwischen dem "Asyl für ausstiegswillige Prostituierte" und der Einrichtung für ältere und psychisch beeinträchtigte Menschen liegen 150 Jahre. In all den Jahrzehnten ist "Bethesda-St. Martin" in Boppard stets geblieben, was es von Anfang an war: ein "Haus der Barmherzigkeit", in dem christlich motivierte Liebe praktiziert wird.

BOPPARD. Die Krise ist gemeistert, der neue Stiftungsrat etabliert. Das war bei Bethesda in Boppard Grund zu feiern. Die glückliche Gegenwart mit der gelungenen wirtschaftlichen Sanierung und dem daraus resultierenden optimistischen Blick in die Zukunft war aber nicht der einzige Grund, Festtagsstimmung an der Mainzer Straße in Boppard zu erzeugen. Die Stiftung Bethesda-St. Martin schaute weit zurück in ihre Historie. Den Anlass dafür bot der 150. Geburtstag. So feierten Heimbewohner, Mitarbeiter, Vertreter der evangelischen Kirche und des öffentlichen Lebens in mehrfacher Hinsicht ein historisches Ereignis.

Das ehemalige Kloster St. Martin bleibt für zahlreiche Menschen, was es bereits vor 150 Jahren war: Eine Stätte der Zuflucht, wo Menschen christlich motivierte Liebe erfahren. 1855 wurde im Kloster St. Martin ein "Magdalenenasyl" eingerichtet. Dort wurden ausstiegswillige Prostituierte aus dem Raum Wuppertal wieder auf den Pfad der Tugend geführt, wie der Historiker Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl in seinem Festvortrag erläuterte. Wuppertal war Mitte des 19. Jahrhunderts neben Köln das größte Ballungszentrum im westdeutschen Raum. In den dortigen Slums gedieh neben dem täglichen Elend vor allem die Prostitution.

Hinter dem "Magdalenenasyl" in Boppard stand die protestantische Führungsschicht der preußischen Rheinprovinz und der wirtschaftliche Hochadel. Das idyllische Boppard erschien den Verantwortlichen als die geeignete Adresse. Vier ehemalige Prostituierte zogen am 20. Dezember 1855 ins Martinskloster ein. Das war der Anfang. Bis 1901 hatten 560 Frauen und Mädchen im Magdalenenasyl Platz gefunden. Bei aller Strenge im Alltagsleben: Freiwilligkeit war das Grundprinzip im Bopparder Asyl, machte Schmuhl deutlich. Auf das "Magdalenenasyl" folgte eine "Fürsorgeerziehungsanstalt" und ein "Mädchenwohnheim". Vor 20 Jahren setzte die Hilfe für psychisch behinderte Menschen ein. 1986 wurde das Wohnheim "Haus Bethesda" eröffnet. Heute leben etwa 600 Menschen in Wohnheimen und Wohngruppen in Boppard, Koblenz, Kastellaun und Cochem.

Seit den 70er-Jahren engagierte sich die Stiftung in der Altenhilfe. Das "Haus Elisabeth" in Boppard machte 1976 den Anfang. In den 90er-Jahren kamen Altenheime in Winningen, Ahrweiler, Neuwied und zuletzt in Höhr-Grenzhausen hinzu.

Diese Expansion in der Altenhilfe führte die Stiftung im vergangenen Jahr in die Krise. "Die neuen Projekte waren zum Teil nicht ausreichend finanziert. Es wurde am Bedarf vorbeigeplant und die Anlaufkosten wurden unterschätzt", so Werner Bleidt, der gemeinsam mit Franz-Josef Rünz als Geschäftsführer der stiftungseigenen Unternehmen tätig ist. Alle Ehrengäste sahen in Sachwalter Ludger Westrick den Retter der Stiftung. In 13 Monaten hat der Bonner Jurist die Sanierung vollzogen (wir berichteten).

Dass "eine der größten sozialen Einrichtungen im Rhein-Hunsrück-Kreis", wie Landrat Bertram Fleck hervorhob, weit über die Kreisgrenzen hinaus auf hohe Wertschätzung stößt, machte der Mainzer Staatssekretär Dr. Richard Auernheimer deutlich. "Die 150 Jahre sind nicht beendet", sah der Landespolitiker eine gute Zukunft voraus.

Boppards Bürgermeister Dr. Walter Bersch sieht in der Stiftung einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor in der Stadt. Mit 500 Beschäftigten gehört Bethesda zu den wichtigen Arbeitgebern im nördlichen Rheinland-Pfalz. Ihnen machte der scheidende Sachwalter ein großes Kompliment: "Ich habe fabelhafte Mitarbeiter vorgefunden. Mir war schnell klar: Diese Einrichtung kann erhalten bleiben", sagte Westrick.

Wolfgang Wendling

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