Rhein-Hunsrück-Zeitung, 12.05.2009
"Tafelgarten" feiert Premiere im Kreis
Nach Leipziger Vorbild wird bald in Boppard Obst und Gemüse für Bedürftige geerntet - Firma Best stellt das Personal
Seit zwei Jahren gibt es in den Leipziger Kleingartenanlagen die sogenannten Tafelgärten. Auf 79 Parzellen wächst Obst und Gemüse, das der Leipziger Tafel zur Verfügung gestellt wird, um es an bedürftige Menschen zu verteilen. Dieses Modell wird jetzt auch im Rhein-Hunsrück-Kreis umgesetzt.
RHEIN-HUNSRÜCK. In Boppard entsteht der erste "Tafelgarten" weit und breit. In der Gemarkung "Auf Kasseling", wo das Unesco-Welterbe Höhenluft schnuppert, wird künftig Obst und Gemüse geerntet, das den sechs Tafeln im Kreis zugute kommt.
Eigenes Obst und Gemüse anbauen, ernten und den Kunden der Tafel zur Verfügung stellen - seitdem es schwieriger geworden ist, bei den Supermärkten frische Waren zu ordern, ist Ludwig Geissbauer, Vorsitzender der Rhein-Hunsrück-Tafel, von dieser Idee angetan.
Anfang des Jahres wandte er sich an die Arge Rhein-Hunsrück. Er fragte nach, ob nicht auch hierzulande Ein-Euro-Jobber Streuobstwiesen oder brachliegende Ackerflächen bewirtschaften und den Ertrag den Ausgabestellen der Tafel überlassen könnten. Geissbauer hatte bei seinem Besuch in Leipzig das Projekt "Tafelgarten" persönlich in Augenschein nehmen können und war davon begeistert.
"Wir fanden die Idee von Beginn an ganz toll und haben uns bereit erklärt, das Ganze zu unterstützen", sagte Arge-Chef Andreas Lemens bei der Eröffnung des Projektes "Tafelgärten" auf dem Bopparder "Kasseling". Sein Stellvertreter Hans-Jürgen Grabe hatte den Kontakt zum Integrationsunternehmen Best der Stiftung Bethesda-St. Martin geknüpft. Schon jetzt stellt Best im Auftrag der Arge und mit finanzieller Unterstützung des Europäischen Sozialfonds zwölf Mitarbeiter, die Wiesen mähen, Dornbüsche entfernen, Obstbäume schneiden und den Baumschnitt entsorgen. Später werden sie dann auch das Obst und Gemüse ernten. Der Großteil des Obstes wandert ohne Umwege in die Ausgabestellen der Tafel. Ein Teil der Äpfel wird in der Bopparder Rheinwerkstatt der Stiftung Bethesda zu Apfelsaft veredelt, der das Angebot der Tafel bereichert.
Die Wiesen mit den Obstplantagen gehören der Stadt. 15 Hektar städtisches Areal hat die Nebenerwerbslandwirtin Isabell von Grapow gepachtet. Sie hat ihr Einverständnis erklärt, dass die Best-Mitarbeiter brachliegende Flächen für die Tafel bewirtschaften.
Werner Bleidt, Geschäftsführer von Best, sprach von einem "wunderbaren Projekt". Zum einen fänden "Menschen, die nicht so ganz leistungsfähig sind, eine sinnvolle Beschäftigung". Und es profitierten von dem Tafelgarten Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen.
Auch Bürgermeister Walter Bersch unterstützt das Projekt wegen jenes doppelten Nutzeffektes. Er führt zusätzlich noch das Argument ins Feld, dass die Tafelgärten das Welterbe aufwerteten. Schließlich habe die Unesco allen Beteiligten aufgetragen, die Kulturlandschaft Mittelrhein zu erhalten und auszubauen. "Da ist es gut, dass die Flächen bewirtschaftet werden."
Unterdessen ist auf Kasseling auch ein Acker entstanden. Rudolf Stumm, der das Projekt ehrenamtlich unterstützt, hat eine Wiese umgepflügt. Dort wachsen jetzt Kartoffeln und Bohnen. Damit ist der Anfang gemacht. Geissbauer hofft nun, dass die Tafelgärten im Kreis auf fruchtbare Resonanz treffen - zum Nutzen der Bedürftigen.
Wolfgang Wendling
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