Der
Nullfünfer, 27.02.2010
Positiver Wahn- das ist der „Wahnsinn vom St. Martin“
Positiver Wahnsinn
auf der Molitor-Tribühne
In Kastellaun sitzt ein ganz besonderer Fanclub des 1. FSV Mainz 05, die Gruppe „Wahnsinn vom St. Martin“ von der diakonischen Stiftung Bethesda St. Martin, welche sich unter anderem auch um psychisch kranke Menschen kümmert. Bei Wind und Wetter feuert der Fanclub sein Team von der Molitor-Tribüne aus an. Wie gut sich positiver Wahnsinn auswirken kann und wie es sich anfühlt, Jörn Andersen durch die Haare zu wuscheln, berichten wir in diesem
Artikel, der den „Wahnsinn vom St. Martin“ einmal vorstellt.
Hinter dem Namen „Wahnsinn vom St. Martin“ steckt eine Menge Doppeldeutiges, wenn man bedenkt, dass die Gründungsmitglieder Betreuer und Bewohner von Wohngruppen für psychisch kranke Menschen sind. Mit einem Augenzwinkern habe man sich damals vor über zwei Jahren für diesen Namen entschieden, erklärt Guido Hörsch, Vorsitzender des Fanclubs aus Kastellaun im Hunsrück. Seine Klienten, wie Hörsch die zu Betreuenden nennt, leiden überwiegend an Psychosen mit Bildern des Wahns oder paranoiden Symptomen.
„Daraus hat sich der Name ein bisschen abgeleitet“, so der humorvolle Mitarbeiter im sozial-psychiatrischen Fachdienst, „und wenn wir einen Fanclub gründen, dann ist das der Wahnsinn auf St. Martin. Man kann ja auch positiv wahnsinnig sein, wenn man etwas sehr mag- so ist der liebe Wahnsinn entstanden.“ Insgesamt sind ca. 15 Leute in dem Fanclub aktiv, und es gibt einen harten Kern, der zu allen Spielen der 05er fährt, manchmal auch auswärts.
„Wir waren beispielsweise schon in Köln oder Frankfurt mit dabei.“ Längere Auswärtsfahrten gestalten sich schwieriger, aber am schönsten sei es ohnehin in Mainz. „Der FC und die Eintracht haben schon tolle Arenen und sicher auch eine besondere Fankultur. Aber hier in Mainz ist nicht nur die Fankultur an sich sehr schön, auch die familiäre Atmosphäre im Stadion besticht. Hier kann man seinen Wahnsinn so richtig ausleben“, lacht Hörsch.
Mainz 05 und Wahnsinn vom St. Martin- das passt. Hörsch und seine Truppe fühlen sich richtig wohl am Bruchweg. „Wir hängen vor dem Spiel auch immer unser Banner vor der Molitor-Tribüne auf, das ist wie ein Ritual.“ Und die Spielbesuche wirken sich auch positiv auf die Psyche aus, nicht nur bei Siegen. „Der Stadionbesuch ist eine freizeitpädagogische Maßnahme, und so was ist am Wochenende absolut erwünscht, damit die Leute mal ein bisschen herauskommen und die größere Welt da draußen sehen. Hier haben sie auch mal die Möglichkeit, dem Vizepräsidenten die Hand zu schütteln oder Trainer Thomas Tuchel. Die Spieler sind auch prima nach dem Spiel, insbesondere nach einem Sieg. Sie kommen gern zum Shake Hands“, so Hörsch. Bei einem solchen Meet and Greet ist auch eine lustige Anekdote passiert, die dem 45-Jährigen noch länger im Gedächtnis bleiben wird. „Unsere Klienten haben manchmal das Problem, Distanz und Nähe nicht richtig einschätzen zu können und in welcher Situation was von beidem angebracht ist. In der letzten Saison ist Ex-Trainer Jörn Andersen auf uns zugekommen und wollte uns begrüßen, da ist einer unserer Fans auf ihn zugelaufen und hat ihm durchs Haar gefahren. `Toll, du hast so schöne, frisch gewaschene Haare!` hat der Fan sich gefreut- und Herr Andersen war ziemlich stark überrascht“, schmunzelt Hörsch, „nun gut, er wirkte halt so adrett und blond, das hat unseren Fan eben auf den Plan gerufen! Manchmal muss man da ein bisschen zurückhaltend eingreifen, aber ich denke, solche Geschichten geben ein farbiges Bild ab. In Mainz versteht man das ganz gut“.
zurück
|
|